Fotos: Frank Egel / Interviews & Texte: Nico Spindler / 2012

Dietmar Eine Anzeige im Internet lockte ihn 2009 ins Hochhaus. Er wollte unbedingt nach St. Pauli. St. Pauli passt zu seinem Wesen. „Du hast internationales Publikum, du hast die Schanze, Altona, den Hafen, du kannst Metall hören, Punk, Elektro, du hast Fußball, es mischt sich jung, alt, es ist tolerant, die Leute haben Lebenserfahrung.“ Auf dem Kiez trifft der Kommerz auf den Untergrund. Das ist einzigartig in Europa. Neue junge Leute im Haus und auf der Straße bleiben distanziert und grüßen nicht mehr. Viele haben sich eingekauft in die Kulisse St. Pauli und behandeln die älteren Bewohner wie Statisten. „Mir wurde eine renovierte Wohnung versprochen, einziehen musste ich eine völlig unrenovierte.“ Der Bodenbelag lockert sich, denn der asbesthaltige Kleber wird porös. Ihm gefällt die Aussicht Richtung Altona besser, sie ist ruhiger und grüner. „Ich bleibe wohnen, solange es geht.“

Antje  Aufgewachsen auf St. Pauli. Ihre Eltern hatten eine Kneipe in der Schanze, alle Menschen, die ihr wichtig sind, wohnen um die Ecke. 2004 zog sie ins Hochhaus ein. „Ich wollte hier schon immer hin.“ Sie fühlt sich hier pudelwohl, mag die Leute hier. Die letzten 10 Jahre gings schnell bergab mit dem Kiez. Die heutigen Discos sind Idiotenkram, machen erst spät auf, der Türsteher sortiert aus, das war früher schöner. „Hamburger Teenies undenglische Bands.“ Der Freund spielte Schlagzeug beim Kiesewetter. Lange arbeitete sie in der Ramona-Bar. „Hattest du früher kein Geld, dann gingst dudurch die Läden und hast gefragt, ob die eine Arbeit für dich haben.“ Woanders käme sie sich blöd vor. „Ich gehe nicht raus hier.“

Volker wohnt seit 2012 im Hochhaus, vorher in der Seilerstraße. „Dort wurde alles zu sehr Luxus. Hier sind die Leute entspannter.“ Ihm wurde ein Asbest-freier Rohbau übergeben, Angst vor den Todesfasern hat er nicht. „Ich bin 25Jahre zur See gefahren, da rieselte das Zeug von der Kajütendecke.“ Leider fehlt ein passender Dialog zwischen Mietern und Eigentümern. St. Pauli ist ein Vergnügungsviertel, da denkt keiner an die Menschen, die hier wohnen. „Ich will hier wohnen, bis sie mich mit den Füßen voran raustragen.“

Mike  wohnt seit 2004 im Haus. Er zog ein, da er aus seiner alten Wohnung raus musste und damals das Hochhaus noch bezahlbaren Wohnraum bot. Als Alternative zu St.Pauli gibt es für ihn nur New York. Er will wohnen bleiben bis er heiratet und Familie hat. Der Kontakt zu den Nachbarn ist noch eng, wird aber (subjektiv) mit jedem neuen Bewohner schlechter. Überhaupt gibt es im Viertel immer weniger Originale und dafür mehr Schnösel. „Hippness ist der Tod der wahren Schönheit!”, sagt er, weiß aber auch, dass die Leute, die nur am Wochenende zum Feiern herkommen, noch Jahre brauchen werden, um dies zu begreifen. „Gefühlt ist der Hafen die letzte mentale Rückzugsm.glichkeit. Doch darüber zu philosophieren ist sinnlos.“ Am Haus stört ihn am meisten der schlechte Zustand seiner „völlig unsanierten“ Wohnung. Außerdem sieht er nicht ein, warum die Bewohner nicht in der Lage sein sollen, mit Initiativen, Vereinen, Demos etc. die Verdrängungs-Prozesse wenigstens abzufedern.

Suwat und Kaewlun  Die beiden gebürtigen Thailänder wohnen seit 1982 im Haus. Damals wohnten viele Huren auf ihrem Stockwerk, kontrolliert von einem „Boss“ (Zuhälter). „Leider wohnen auch keine Seeleute mehr hier, schade, zu denen hatten wir viel Kontakt.“ Heute ist es im Vergleich zu früher lauter und gefährlicher im Haus und auf der Reeperbahn. Seit kurzem stört der Baulärm im Haus, der oft ab 7:00 Uhr beginnt. Die vielen neuen Gebäude und Hotels in St. Pauli sehen die beiden auch positiv. So kommen mehr Touristen ins Viertel und die bringen Geld in die Stadt. „Wir haben Rundblick: Aus der Wohnung sehen wir Altona, vom Flur aus die Große Freiheit und vom Müllschlucker aus den Hafen.“ Bis zur Rente wollen sie noch in Hamburg arbeiten und dann zurückgehen in die Heimat, Nord-Thailand.

Tom (Kurz vor der Zwangsräumung)

Patrizia  Die Hamburgerin wohnt seit 1988 auf St. Pauli. Die Nähe zum eigenen Laden am Hans-Albers-Platz war entscheidend für den Einzug, denn eigentlich wollte sie nicht ins Hochhaus ziehen. „Nachts ist der Ausblick am schönsten“. Sie hat Bekannte auf fast allen Etagen. Die Zeit mit den Mädchen und Luden im Haus hat sie in guter Erinnerung. „Es war sicherer, sauberer und ordentlicher als jemals.“ Die Reeperbahn ist nur noch eine Fress- und Spielautomatenmeile für Touristen. „Kein Schlendern mehr, nur noch konsumieren.“ Die witzigsten Läden sind weg. Früher gab es Gewalt im Milieu, heute trifft es Unbeteiligte. Früher war es charmant, anrüchig und aufregend, heute ist es nur noch primitiv und gefährlich. Auch das Haus beruhigt sich nicht. „Durch den Baulärm ist die Entspannung weg.“ Seit 2008 gab es keine korrekte Betriebskostenabrechnung mehr.

Viktor   zog 2007 in den 17. Stock ein. Es sollte keine WG mehr sein und der Ausblick auf St.Pauli hatte ihn sofort umgehauen. In Hamburgwohnte er seit 1996. Schon vor seinem Einzug hatte ihn das Haus angezogen. „Ob über dieElbbrücken, ob mit dem Flugzeug oder durch den Elbtunnel – immer wenn ich nach Hamburg zurückkam fiel mir dieses Hochhaus auf.“ „Die bunte Mischung der Bewohner schafft eine warme und persönliche Atmosphäre im Haus, trotz der in Hochhäusern unumgänglichen Anonymität des Wohnens.“ Auf seinem Balkon findet sich das Selbstportrait zweier Vormieter aus den 80er Jahren. Das Pärchen fuhr zur See und gilt seit einer Umseglung von Kap Horn als verschollen. Seit Jahren erlebt er, dass das, was ihm an St. Pauli gefällt und was dieses Viertel einzigartig macht, systematisch zerstört wird. Die kleinteilige Architektur, die versteckten Hinterhöfe, die buntgemischte Nachbarschaft und die Subkultur. Letztere werde von Behörden unterdrückt und breche weg „zugunsten von Großevents, über die das Viertel ausgemolken wird, ohne Rücksicht auf seine Bewohner“.

Marie  Seit 2001 wohnt sie im Hochhaus. Bevor sie nach Hamburg kam, studierte sie und war Sängerin einer Frauenband. Nach dem Studium machte sie eine Schneiderlehre. „Das Haus hatte einen üblen Ruf, aber es war von Anfang an total nett, hier zu wohnen.“ Und es wird von Jahr zu Jahr warmherziger. Hausbewohner trifft sie überall: an den Postkästen, vorm Haus, im Kiosk, an der Supermarktkasse, „…oder wenn ich eine Party mache und die Nachbarn einlade“ Nur wenige sagen keinen Ton, wenn du sie im Fahrstuhl grü.t. Das Radfahren auf dem Kiez ist extrem schwierig: keine Fahrradwege, überall Scherben, halbirre Autofahrer aus der Provinz. Zum Glück kann sie ihren Arbeitsplatz zu Fuß erreichen.

Dirk  Er hört ein lautes Gluckern, als er 2004 die Treppe aus der S-Bahn zur Reeperbahn hochsteigt: Wodka fließt aus einer Flasche in den Hals eines durstigen Mannes, der vor der Haustür campiert. Der Besichtigungstermin für eine Wohnung in der 157 beginnt interessant zu werden. Der Makler will wissen, was Dirk verdient. „Wenn Sie meinen Kontoauszug sehen, geben Sie mir nicht mal ein Glas Wasser.“ — „Was sind Sie von Beruf?“ — „Selbstständiger Schlagzeuger.“ Die Chancen auf die Wohnung sinken auf Null, da sagt der Makler „Mein Sohn hat Probleme mit seinem Schlagzeuglehrer. Lässt sich da was machen?“ — Sicher.“ — „Wollen Sie die Wohnung?“ — „Ja.“ Über die Jahre erarbeitete er sich im Kiezalltag eine etwas straffere Aura. Viel hat sich verändert. „Die geilen Klubs sind weg. Der Rest hat den Charme von Discountern und Systemgastronomie.“ Die Gleichgültigkeit der Hausverwaltung stört ihn. Er sieht aber das Recht auf seiner Seite. „Ich wehre mich.“

Andrea  Vor 24 Jahren kam sie nach St. Pauli und zog 1999 ins Hochhaus ein. „Ich verfolge den Jahreslauf der Sonne über der Stadt und dem Hafen.“ Ihren Arbeitsplatz erreicht sie zu Fuß, die Freunde wohnen um die Ecke. An einen Wohnungskauf denkt sie nicht mehr. „Ich traue der Bau-Substanz nicht.“ Seit 2008 kamen verstärkt Künstler und Medienleute ins Haus. „Milieu gibts hier nicht mehr“, dafür seit kurzem Appartements für Partytouristen. Das Rotlicht wird massiv verdrängt, die Penner vertrieben. „Durch den Müll der Touristen steigen die Strassenreinigungsgebühren der Bewohner.“ Das Haus bietet einen angenehmen Ausgleich zwischen Anonymität und Kontakt. Wenn sie einen der Nachbarn eine Woche lang nicht sieht, klingelt sie bei ihm. St. Pauli ist der Ort an dem sie bleiben will. „Ich wohne den Rest meines Lebens hier.“

Wolfgang  Zog 2011 ein, musste aber wegen Asbest-Arbeiten kurzfristig wieder ausziehen und konnte erst Anfang 2012 endgültig einziehen. „Zwischenzeitlich musste ich in den Geschäftsräumen meiner Arbeit schlafen. Die Asbest-Entsorgung war reiner Krieg!“ Er ist froh, hier gelandet zu sein. „Nach 13 Jahren konnte ich die Miete im Schanzenviertel nicht mehr zahlen, die stieg auf einen Schlag um 300 Euro.“ Der Umgangston unter Nachbarn ist schroff, aber herzlich. Er sagt, die Bewohnerstruktur muss unbedingt erhalten werden. Das Haus erinnert ihn an ein „aufeinandergestapeltes Dorf“. Ihn beeindruckt die außergewöhnliche Initiative der Bewohner, die sich gegen die illegalen Umbauarbeiten im Haus zur Wehr setzten. Seine Lieblingsaussicht? „Kontainerhafen und die Kirchturmuhr.“

Dorothee  Hamburg ist ihre Wunschstadt, seit 2012 wohnt sie im Haus. Sie war die einzige Bewerberin auf die Wohnung. Sie zitierte die Maklerin telefonisch herbei, als diese zuerst nicht zum Besichtigungstermin erschien. Die Aussicht vom Balkon war entscheidend, in Berlin wohnte sie Richtung Hinterhof. In Hamburg sind auch die Wege kürzer, die Stadt ist übersichtlicher. Vielleicht geht sie in ein paar Jahren nach Amerika, bei ihr ist derzeit alles offen. Sie genießt das leichte Leben auf dem Kiez – „Remmi Demmi, Halli Galli, nichts für die Ewigkeit“ – kennt aber alle Nachbarn ihrer Etage und findet sie sehr sehr nett. Ist es am Wochenende laut vor dem Fenster, werden im Schlaf die Träume wilder.

Matthias  Das Hochhaus ist ihm schon vor 30 Jahren aufgefallen. Nach einer Firmenpleite zog er aus seinem Haus mit Alsterblick hier ein. Die Weite, der Blick über die Dächer Hamburgs und den Hafen sowie das sich ständig ändernde Licht haben es ihm von Anfang an angetan. Er schätzt das ruhige Zusammenleben, und dass die älteren Generationen aufeinander achten. „Warum nicht ein Generationenhaus daraus machen, in dem sich alt/jung und arm/reich mischen? Alle würden profitieren.“ „Unvorstellbar, dass die Mieter nicht über das Asbest-Risiko informiert wurden, eine Frechheit.“ Zum Glück hat er den Boden nicht rausgerissen, als er vor Jahren selbst renovierte. An St. Pauli gefällt ihm am meisten die lebendige Szene in den Nebenstraßen. Die Touristenschwemme irritiert ihn.“Kann ich nicht nachvollziehen.“ Noch sei wohl kein Ende erreicht, mehr Türme, mehr Hotels werden kommen. Der nächtliche Krach von der Reeperbahn stört ihn am meisten.

Cristiane  Wohnt seit 2001 im Hochhaus, seit 1996 auf dem Kiez. „Ich wollte hier rein.“ St. Pauli ist eine Clique, eine Enklave. Die zentrale Lage, die vielen netten Nachbarn, Job und Familie um die Ecke sind Vorteile, Lärm und Dreck innen und außen sind Nachteile. Die Touristenflut blockiert das Leben auf St. Pauli. „Vieles kann ich vor Überfüllung schon gar nicht mehr nutzen.“ Auf dem Fischmarkt kauft sie Blumen für ihren Balkon. Sie züchtet Marienkäfer statt Pestizide einzusetzen. Von hier aus zieht sie es nur aufs Land. „Mit Garten, Bienenvolk und endlich Ruhe.“

Mike  Als er 2010 die Wohnung im 11. Stock besichtigte brauchte er nur 10 Sekunden, um sich zu entscheiden: „Will ich!“ Der Blick vom Balkon auf die Reeperbahn bietet sehr „strange“ Eindrücke: Stretchlimos, verrückte Dreharbeiten oder den Mann, der frühmorgens an einem Konzertflügel auf dem Beatles-Platz sitzt und spielt. „Die Tanzenden Türme nerven!“ Überhaupt ist durch die vielen neuen Bauvorhaben die Stimmung im Haus und im Viertel gereizter geworden. Er fragt sich: „Warum kommt es erst jetzt ans Licht, dass das Haus schon seit 40 Jahren mit Asbest verseucht ist?“ Trotzdem könnte er weitere 20 Jahre hier wohnen bleiben. Ihm fehlt noch so etwas wie ein Gemeinschaftsraum für die Hausbewohner. Was wünscht er sich noch? „Unbedingt neue Fenster!“